Mangelernährung im Krankenhaus: ein unterschätztes Risiko
Unterschätzte Risiken und verpasste Chancen bei der Diagnose und Behandlung von Mikronährstoffmangel im Krankenhaus
Vielleicht haben Sie auch schon mal beobachtet, dass Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt nur langsam wieder zu Kräften kommen? Die Grunderkrankung spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle. Ein weiterer Faktor wird jedoch häufig übersehen: Mangelernährung.
Eine aktuelle bundesweite Analyse deutscher Krankenkassendaten zeigt: Mangelernährung wird im Krankenhaus offenbar wesentlich seltener dokumentiert und behandelt, als es angesichts ihrer tatsächlichen Häufigkeit zu erwarten wäre. Dabei kann eine bedarfsgerechte Versorgung mit Energie, Eiweiß und Mikronährstoffen den Heilungsverlauf, die Belastbarkeit und die Lebensqualität spürbar beeinflussen.
Mangelernährung bedeutet nicht automatisch Untergewicht
Viele Menschen verbinden Mangelernährung mit starkem Untergewicht. Doch das ist nur ein möglicher Hinweis. Nach den 2019 veröffentlichten Kriterien der Global Leadership Initiative on Malnutrition (GLIM) kann eine Mangelernährung auch bei normalem oder höherem Körpergewicht bestehen. Das ist auch logisch, denn nicht nur das Gewicht zählt, sondern wie gut der Körper – genauer gesagt Gewebe, Organe und Muskeln – mit Energie, Mikro- und Makronährstoffen versorgt wird.
Dabei werden zwei Bereiche betrachtet:
- Phänotypische Kriterien: unbeabsichtigter Gewichtsverlust, niedriger Body-Mass-Index oder verringerte Muskelmasse.
- Ätiologische Kriterien: zu geringe Nahrungsaufnahme beziehungsweise gestörte Nährstoffaufnahme oder eine Entzündung durch akute beziehungsweise chronische Erkrankung.
Man kann also äußerlich durchaus „normalgewichtig“ wirken und dennoch zu wenig Eiweiß, Energie oder essenzielle Nährstoffe aufnehmen. Gerade bei chronischen Erkrankungen, Krebs, Magen-Darm-Beschwerden, Infekten, im höheren Lebensalter oder nach Operationen steigt daher das Risiko einer Mangelernährung.
Die Zahlen aus Deutschland: selten dokumentiert, selten spezifisch behandelt
Die Studie von Rau und Kolleg:innen analysierte bundesweite Krankenkassendaten aus den Jahren 2017 bis 2024. Unter den stationär behandelten Patientinnen und Patienten wurde nur bei 1,16 bis 1,30 Prozent eine Mangelernährung per ICD-Code dokumentiert.
Das steht in deutlichem Gegensatz zu Untersuchungen, die den Ernährungszustand aktiv erfassen. Daten des NutritionDay für Deutschland aus den Jahren 2019 bis 2022 zeigten hingegen, dass 33,9 Prozent der stationär behandelten Menschen die GLIM-Kriterien für Mangelernährung erfüllten. In einer Schweizer Studie wurde mit dem etablierten Nutritional-Risk-Screening 2002 bei 27,8 Prozent der Hospitalisierten ein Risiko für Mangelernährung festgestellt.

Von den Patientinnen und Patienten, bei denen im Krankenhaus überhaupt eine Mangelernährung dokumentiert war, erhielten nur 2,77 bis 4,45 Prozent eine OPS-kodierte enterale oder parenterale Ernährungstherapie.
Diese Zahl muss sorgfältig eingeordnet werden: Orale Maßnahmen – etwa angereicherte Mahlzeiten, Trinknahrung oder eine individuelle Ernährungsberatung – lassen sich über OPS-Codes nicht vollständig abbilden. Dennoch macht die Untersuchung eine Versorgungslücke sichtbar. In Deutschland besteht bisher kein flächendeckend verbindlicher Standard, alle Menschen bei Krankenhausaufnahme strukturiert auf ein Ernährungsrisiko zu untersuchen und bei Bedarf einen klaren Therapiepfad einzuleiten.
Mangelernährung betrifft nicht nur Menschen im Krankenhaus
Mangelernährung wird landläufig oft als Problem schwer kranker Menschen auf Station angesehen. Studien aus PubMed-gelisteten Fachzeitschriften zeigen jedoch, dass sie auch außerhalb des Krankenhauses relevant ist – insbesondere bei älteren Menschen und bei chronischen Erkrankungen.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Cereda und Mitarbeitenden wertete Daten zur Mangelernährung bei älteren Menschen in unterschiedlichen Versorgungsbereichen aus. Die Prävalenz lag je nach untersuchter Gruppe bei etwa 3 Prozent bei selbstständig lebenden älteren Menschen, bei rund 22 Prozent in der ambulanten Versorgung, bei etwa 28 Prozent im Krankenhaus und bei ungefähr 17 Prozent in Pflegeeinrichtungen. Das zeigt: Auch in der eigenen Wohnung kann ein Mangel entstehen, etwa durch Appetitlosigkeit, Einsamkeit, Kau- oder Schluckbeschwerden, Verdauungsprobleme, Resorptionsstörungen, Medikamenteneinnahme oder eingeschränkter Mobilität.

Auch eine große internationale Auswertung des MaNuEL-Konsortiums beschreibt Mangelernährung im Alter als häufiges, aber oft nicht erkanntes Problem. Besonders gefährdet sind Menschen mit mehreren Erkrankungen, nach akuten Krankheiten, bei funktionellen Einschränkungen oder nach ungewolltem Gewichtsverlust. Entscheidend ist: Ein Problem kann lange bestehen, bevor es in einer Diagnose oder im Körpergewicht deutlich sichtbar wird.
Typische mögliche Warnzeichen sind:
- unbeabsichtigter Gewichtsverlust,
- deutlich weniger Appetit oder rasche Sättigung,
- anhaltende Erschöpfung und Kraftverlust,
- wiederkehrende Infekte,
- schlecht heilende Wunden,
- Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken oder Verdauen,
- ein Rückzug vom Essen und Trinken.
Solche Beschwerden können viele Ursachen haben. Sie sollten daher nicht vorschnell als „normal im Alter“ oder bloße Begleiterscheinung von Stress abgetan werden.
Warum eine frühzeitige Erkennung so wichtig ist
In der deutschen Krankenkassenanalyse waren Mangelernährung und ungünstigere Krankheitsverläufe klar miteinander verbunden. Nach Abgleich von Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen lag die Sterblichkeit innerhalb von 90 Tagen bei Menschen mit dokumentierter Mangelernährung bei 18,2 Prozent. In der Vergleichsgruppe ohne dokumentierte Mangelernährung betrug sie 7,3 Prozent.
Auch erneute Krankenhausaufenthalte kamen häufiger vor:
- innerhalb von 90 Tagen: 44,9 Prozent bei Mangelernährung gegenüber 37,9 Prozent in der Kontrollgruppe,
- innerhalb eines Jahres: 61,8 Prozent gegenüber 60,0 Prozent.
Die durchschnittlichen Gesundheitskosten innerhalb eines Jahres lagen bei 18.052 Euro für Menschen mit Mangelernährung und bei 13.656 Euro in der Vergleichsgruppe.
Diese Beobachtungsdaten beweisen nicht, dass der Nährstoffmangel allein die Ursache für diese Unterschiede ist. Mangelernährte Menschen sind häufig schwerer oder mehrfach erkrankt. Dennoch ist Mangelernährung ein beeinflussbarer Risikofaktor – und gerade deshalb verdient sie Aufmerksamkeit.
Dass eine gezielte Ernährungsunterstützung helfen kann, zeigen klinische Studien. In einer großen Schweizer randomisierten Studie verbesserte eine individualisierte Ernährungstherapie bei medizinisch hospitalisierten Menschen mit Ernährungsrisiko die klinischen Ergebnisse. Auch eine Metaanalyse fand Hinweise auf eine niedrigere Sterblichkeit und weniger ungeplante Wiederaufnahmen durch Ernährungsinterventionen.
Mikronährstoffe: Ernährung ist die Basis – manchmal reicht sie dennoch nicht aus
Eine abwechslungsreiche Ernährung bleibt die wichtigste Grundlage. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen sowie hochwertige Eiweiß- und Fettquellen liefern viele wertvolle Nährstoffe.
In der Praxis ist eine ausreichende Versorgung jedoch nicht immer einfach. Die Nährstoffgehalte pflanzlicher Lebensmittel können unter anderem durch Bodeneigenschaften, Sorte, Reifegrad, Lagerung und Verarbeitung variieren. Zudem erreichen viele Menschen einzelne kritische Nährstoffe über ihre tatsächlichen Essgewohnheiten nicht zuverlässig. Und selbst Menschen, die sich sehr gesund ernähren, können ihren gesamten Bedarf and Nährstoffen nicht mehr nur über die Ernährung abdecken.
Ein Beispiel sind die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Sie sind vor allem in fettem Seefisch und Algen enthalten. Wer selten oder keinen Fisch isst, nimmt EPA und DHA häufig nur in kleinen Mengen auf; pflanzliche Omega-3-Quellen wie Lein-, Raps- oder Walnussöl liefern überwiegend Alpha-Linolensäure, die im Körper nur sehr begrenzt – zu ca 5% – in EPA und DHA umgewandelt wird.
Auch bei Vitamin B12 – besonders bei veganer Ernährung –, Eisen, Jod, Zink oder Magnesium kann es je nach Lebenssituation, Ernährungsweise, Medikamenten und Erkrankungen sinnvoll sein, genauer hinzusehen.
Natürlich ersetzen Nahrungsergänzungsmittel keine ausgewogene Ernährung und sollten nicht wahllos oder hoch dosiert eingenommen werden. Eine sinnvolle Ergänzung richtet sich nach der individuellen Situation, Beschwerden, Ernährung und gegebenenfalls passenden Laborwerten.
Was Sie selbst tun können
Gesundheit beginnt nicht erst bei einer Diagnose. Mit einigen einfachen Schritten können Sie Ihre Versorgung frühzeitig im Blick behalten:
- Achten Sie auf unbeabsichtigten Gewichtsverlust, vor allem innerhalb weniger Wochen oder Monate.
- Planen Sie Eiweiß bewusst ein, beispielsweise durch Hülsenfrüchte, Eier, Milchprodukte, Fisch, Fleisch, oder andere pflanzliche Eiweißquellen.
- Setzen Sie auf Vielfalt: unterschiedliche Gemüsefarben, Obst, Kräuter, Vollkornprodukte, Nüsse und Samen.
- Nehmen Sie anhaltende Appetitlosigkeit, Verdauungsprobleme oder Erschöpfung ernst.
- Lassen Sie eine individuelle Abklärung durchführen, wenn Sie einen Mangel vermuten – statt Präparate auf Verdacht einzunehmen.
- Sprechen Sie bei einem Krankenhausaufenthalt das Thema Ernährung aktiv an: Wurde ein Ernährungsrisiko erhoben? Gibt es ungewollten Gewichtsverlust oder Schwierigkeiten beim Essen?
Eine gute Versorgung mit Energie, Eiweiß und Mikronährstoffen ist kein Luxus. Sie schafft eine wichtige Grundlage dafür, dass der Körper Belastungen besser bewältigen, Gewebe reparieren und Kraft zurückgewinnen kann. Sich damit zu beschäftigen, kann nicht nur Beschwerden vorbeugen, sondern auch spürbar mehr Lebensqualität, Selbstwirksamkeit und Freude am eigenen Alltag bringen.
Wenn Sie es genau wissen wollen, sprechen Sie uns an. Wir bieten sowohl Blutuntersuchungen als auch eine Spektralfotometrie an, um Mineralstoffe, Spurenelemente und Schwermetalle in Ihrem Gewebe zu messen.
Quellen
- Rau M, Obermüller D, Ludwig P et al. Malnutrition: Low diagnosis and treatment rates in hospitalized patients. An analysis of German nationwide health insurance data. Dtsch Arztebl Int. 2026;123:464–468. DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0085.
- Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD et al. GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition – A consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr. 2019;38(1):1–9. PMID: 30181091.
- Cereda E, Pedrolli C, Klersy C et al. Nutritional status in older persons according to healthcare setting: A systematic review and meta-analysis of prevalence data using MNA. Clin Nutr. 2016;35(6):1282–1290. PMID: 26797533.
- Volkert D, Beck AM, Cederholm T et al. Management of malnutrition in older patients—current approaches, evidence and open questions. J Clin Med. 2019;8(7):974. PMID: 31323941.
- Schuetz P, Fehr R, Baechli V et al. Individualised nutritional support in medical inpatients at nutritional risk: a randomised clinical trial. Lancet. 2019;393(10188):2312–2321. PMID: 31030981.